Viola Hildebrand-Schat hat ein dickes und sehr verdienstvolles Buch über Carola Willbrand geschrieben – und ich eine Rezension dazu. Erschienen 2026 in der Frühjahrsausgabe der Wandelhalle für Bücherfreunde S. 34f und nachzulesen hier:
Zentral zwischen Himmel und Hölle
Viola Hildebrand-Schat über die Buchkünstlerin Carola Willbrand
„Die Künstlerbücher“, schreibt Carola Willbrand, „verhandeln meine Themen.“
Viola Hildebrand-Schat verfasste eine Monografie über die Künstlerin und überließ dieser darin Raum für eine Autobiografie. Carola Willbrand nutzte ihn für eine Skizze ihres künstlerischen Werdegangs.
Und der führte, so wieder Viola Hildebrand-Schat, „von der Performance zum Buch“. Gelegentlich, insbesondere am Anfang von Willbrands Laufbahn, auch wieder zurück. Mit Büchern bereitet die Künstlerin ihre Performances vor, mit Büchern dokumentiert sie sie.
Künstlerbücher sind aber keineswegs nur der Ermöglichungsassistenten von Perfomances. Sie sind ein Genre sui generis. Sie setzen bei Herstellung und Rezeption, also auf ProduzentInnen- wie BerachterInnenseite, die Auseinandersetzung mit sehr persönlichen Fragen an sich und die Welt voraus. Kein anderes künstlerisches Medium bietet und fordert einen intimeren Umgang und ist gleichzeitig so distanziert. Künstlerbücher sind das Gegenteil von Perfomances, die von der direkten Konfrontation des Publikums leben, von der Anwesenheit von KünstlerInnen und RezipientInnen in demselben Raum.
Künstlerbücher entstehen im Atelier oder in Privaträumen und sollten idealerweise auch in einem privaten Umfeld betrachtet werden. Das ist faktisch nur selten möglich, weil relevante Arbeiten im Museum landen und damit im öffentlichen Raum zugänglich werden, und Carola Willbrands Arbeiten sind auf viele Museen verteilt.
Umso wichtiger, dass Viola Hildebrand-Schats umfassende Werkschau nicht nur deren überwältigende Fülle dokumentiert und in ihren kunsthistorischen Bezug setzt, sondern auch die Entwicklung der Künstlerin erlebbar, nachlesbar, nachvollziehbar macht, indem sie Werk für Werk mit Beispielabbildungen und Beschreibung von Entstehungsprozess und Inhalt vorstellt.
Zentral für Willbrands künstlerisches Schaffen sind weibliche Vorbilder und Künstlerkolleginnen, die Begegnung mit ihnen, die Auseinandersetzung mit ihnen, die Ermutigung durch sie. Zu ihren bevorzugten Mitteln gehören als „typisch weiblich“ konnotierte Techniken – sie näht Bilder, sie näht Kleider für Perfomances oder Installationen, sie näht Bücher. Sie schreibt mit der Nähmaschine, sie verwendet gern rotes Garn und spielt mit dem „erweiterten Handarbeitsbegriff“. Früh in ihrer Karriere hat sie beschlossen, „ausschließlich Materialien meines Umfelds, Materialien des täglichen Gebrauchs“ (S. 319) für ihre Kunst zu verwenden. Die werden collagiert und mit den unterschiedlichsten Bindungen in kleinen Auflagen oder Unikaten überraschend kombiniert.
Zentral für Willbrands künstlerisches Schaffen ist ihr Ohr für absurde Eye-Catcher, ihr Sprachwitz: Odeklonje (365), Zeit ist nur eine Angewohnheit (236), Fadenlese (194) …
Zentral für Willbrands künstlerisches Schaffen ist ihre Beharrlichkeit, mit der sie immer und immer wieder bestimmte Fragestellungen aufgreift und weitertreibt, mal in diesem, mal in jenem Medium tiefer und höher gräbt und Himmel und Hölle erst in einem Kleid und dann in einem Buch zusammenbringt. Denn:
„Die Künstlerbücher verhandeln meine Themen.“ (343)
Viola Hildebrand-Schat: Der performative Raum. Von der Performance zum Buch im Werk von Carola Willbrand. Berlin und Münster: LIT 2023. 400 Seiten mit zahlreichen Illustrationen; Broschur 978-3-643-15301-2

